Biographie

Im Mittelpunkt von Bruns’ Schaffen stehen zweifellos seine zahlreichen Instrumentalkonzerte. Die Konzertwerke für Blasinstrumente überwiegen, was auf seine fagottistische Tätigkeit zurückzuführen sein mag, doch fast alle anderen Instrumente sind berücksichtigt.

Die Kammermusik ist sein zweiter Schwerpunkt, wobei sich die Werke für Bläser und Streicher etwa die Waage halten. Die Besetzungen folgen den klassischen Trios, Quartetten, Sextetten, Oktetten. Die Kompositionen sind instrumentengerecht, musikalisch mit einer üppigen Melodik und mit überschaubaren prägnanten, frischen Rhythmus geschrieben, die jedem Musiker sein Instrument zur Geltung bringen lässt.

Bruns schrieb seine Kompositionen häufig auf Wunsch von Musikern. Er erzählte: “Es ist komisch, immer kommen sie und wollen etwas melodisches, thematisches, und es muss klar sein und rhythmisch interessant. Sie wollen immer dasselbe, dabei bin ich gewiss etwas altmodisch“. Das wichtigste für Bruns ist „die typischen Eigenarten, Klangfarben und Möglichkeiten der Instrumente herauszustellen“.

Victor Bruns wurde als Sohn deutscher Eltern am 15. August 1904 in einem kleinen südostfinnischen Ort Ollila, wo sich die Eltern in ihrem Sommerhause aufhielten, geboren. Die Eltern wohnten sonst in Sankt Petersburg, dem späteren Petrograd bzw. ab 1924 Leningrad.

Die vaterseitigen Vorfahren stammten aus der Bremer Gegend, von wo der Großvater als Kaufmann nach St. Petersburg auswanderte, die mutterseitigen von nach Deutschland und von dort aus nach St. Petersburg aus Frankreich gekommenen Hugenotten (Mutter, geb. Salome`). So entstanden eine genetische deutsch-französische Mischung sowie ein starker Einfluss des russischen Lebens und russischer Kultur. Aber es blieb das Bewusstsein, ein Deutscher zu sein.

Victor besuchte noch zur zaristischen Zeit eine deutsche Schule in Sankt Petersburg und bekam dort seine erste musikalische Ausbildung am Klavier. Die Familie liebte Musik: der früh und schon vor der Revolution verstorbene Vater sang im Gesangverein, die Mutter spielte Klavier, Victors älterer Bruder Erich Geige und der jüngere Friedrich Violoncello. So wurde oft Hausmusik gemacht.

Die Liebe zur Rhythmik und Farbigkeit wird in den Kompositionen seiner drei Ballette sehr deutlich und in manchen Teilen faszinierend und packend sichtbar.

Mit der Revolution 1917 brach auch für die Familie Bruns eine schwere Zeit an. Die beiden älteren Brüder mussten noch vor ihrer Studentenzeit ihren Unterhalt selbst verdienen, der eine als Lastenträger, der andere im Gemüsegarten.

Um im Studentenorchester der Technischen Hochschule spielen zu können, erlernte Victor Bruns noch als Schüler das Fagottspielen.

Nach Abschluss der Schule folgte Victor Bruns zuerst dem Wunsch der Familie und nahm ein Studium an der Technischen Hochschule auf. Es war vorher nie sein bewusster Wunsch, Musiker zu werden. Nach einem Jahr naturwissenschaftlichen Studiums war jedoch seine Begeisterung für die Musik, genauer gesagt, für sein Fagott so groß, dass er sich 1924, im Alter von 19 Jahren zur Aufnahmeprüfung am Konservatorium anmeldete.

Von Prof. Gawriloff wurde Victor auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet, die er mit dem ersten Satz des Mozart-Konzerts (1924) am Rimski- Korsakow-Konservatorium bestand. Sein Lehrer wurde dort der berühmte Solo-Fagottist der Leningrader Philharmonie Alexander Wassilliew.

Zu dieser Zeit kann der Stummfilm auf. Für die jungen Musikstudenten gab es die Gelegenheit die Vorführungen zu umrahmen, wobei sie viel lernten. Hier entstand bei Victor Bruns der Wunsch, sich auch mit Filmmusik zu versuchen (op. 7). Diese musikalische Richtung verlor sich mit dem Ende des Stummfilms.

Nach drei Jahren Studium am Konservatorium erspielte sich Victor Bruns 1927 mit dem Weber-Konzert die zweite Stelle am Staatlichen Leningrader Theater für Oper und Ballett. Zu dieser Zeit besuchte der damals schon berühmte Komponist Sergej Prokofjew das Leningrader Konservatorium, und Victor konnte mit drei Mitstudenten sein Humoristisches Scherzo op.12 Nr.9 für vier Fagotte vorspielen.

Der Besuch Prokofjews machte einen großen Eindruck auf den jungen Musiker. Im späteren Leben kam er immer wieder im Gespräch auf ihn zurück. Prokofjew wurde für Victors kompositorisches Schaffen zum erklärten Vorbild.

Anfang der 30iger Jahre war die Stadt an der Newa ein Zentrum für zeitgenössische Musik in der jungen Sowjetunion. So begegnete Victor Bruns beispielsweise solchen bekannten Komponisten wie Alban Berg, Franz Schreker, Darius Milhaud, Arthur Honegger, Igor Strawinski und Paul Hindemith. Die Aufführung von Alban Bergs „Wozzek“ beeindruckte Victor Bruns besonders.

Dieses stimulierende Milieu bewogen Bruns, sich mit der Kunst des „Erschaffens von Musik“ zu beschäftigen. 1927 bis 1931 nahm er ein Kompositionsstudium bei Wladimir Stscherbatschow auf. Schon während des Studiums wurde Im Rahmen von Konzerten der Kompositionsklasse das erste Streichquartett von Victor Bruns, op.6, aufgeführt.

In den folgenden Jahren verband Victor Bruns eine Freundschaft mit dem später berühmt gewordenen Chefdirigenten der Leningrader Philharmoniker, J. Mrawinski, Mrawinski dirigierte eine seiner ersten Kompositionen, eine Stummfilmmusik op. 7 (die leider verschollen ist).

Die Zeit nach Abschluss seines Studiums1931 bis zur Ausweisung aus der Sowjetunion 1938 war für Victor Bruns eine schaffensfreudige, erfolgreiche Zeit.

So entstanden Werke wie:

Alle diese Werke gelten als verschollen.

Victor Bruns schloss sein Studium mit dem 1. Fagottkonzert, op.5 ab, das 1933 seine Uraufführung erlebte. Er selbst war Solist des Konzerts der Leningrader Philharmoniker unter Leitung eines englischen Gastdirigenten. Dieses Werk ist das einzige, das Victor Bruns aus Russland mitbrachte.

Im Jahre 1929 heiratete Victor Bruns Helene Maria Wetzel, die Tochter eines Wiener Geigers, der im Orchester der Petersburger Oper spielte. Victor Bruns lerne seine Frau im Filmtheater „Titan“ am Newski - Prospekt noch in der Stummfilmzeit kennen. Die Ehe blieb leider kinderlos. Seine Frau, aus einer Musikerfamilie stammend, half ihm beim Komponieren, besonders beim Schreiben von Noten, was sie hervorragend verstand.

Die folgenden Jahre brachten tiefgreifende Veränderungen in das Leben von Victor Bruns durch Ausweisung aus der stalinistischen Sowjetunion als reichsdeutschen Bürger. Er entging als anerkannter Musiker einer Verhaftung, während seine beiden Brüder (Techniker) verhaftet, der Spionage angeklagt und (unschuldig) nach 9-monatiger Haft 1938 zusammen mit Victor des Landes verwiesen und nach Deutschland ausgewiesen wurden. Erst 1940 konnte Victor seine Frau in Berlin wiedersehen.

V. Bruns fand nicht gleich eine Anstellung in Berlin, so verdiente er seinen Unterhalt z. T. als Notenschreiber oder machte Aushilfsdienste in verschiedenen Orchestern als Fagottist. 1940 fand er eine Anstellung als zweiter Fagottist an der Volksoper Berlin, wo er bis 1944 tätig war. Die alleinige Tätigkeit als Fagottist im Orchester fand Victor Bruns immer zu eintönig, obwohl er dort gern spielte. So wurde das Komponieren seine eigentliche musikalische Beschäftigung.

In dieser Zeit entstanden Stücke wie:

1944 wurde das gesamte Orchester der Volksoper Berlin, nachdem sie zerbombt wurde, nach Hirschberg in Schlesien verlegt. Von dort wurde V. Bruns zur Wehrmacht eingezogen, gelangte in die sowjetische Gefangenschaft und kehrte im Dezember 1945 völlig unterernährt nach Berlin zurück.

Er bekam bald eine 2. Fagottstelle an der Staatsoper Berlin, wo er auch zum Spielen des Kontrafagotts verpflichtet war. Das bald folgende Angebot, Solofagottist der Staatsoper zu werden, lehnte V. Bruns ab, weil er sich intensiv mit dem Komponieren beschäftigen wollte.

Victor Bruns fand in Berlin in Boris Blacher einen zweiten bedeutenden Kompositionslehrer, der ihn vor allen Dingen auf seine besondere Begabung und Stärke für Konzert- und Kammermusik aufmerksam machte und versuchte Victor Bruns von zu üppigen, großen Kompositionsstücken wegzuführen zu kleineren, durchsichtigeren. Victor Bruns schätzte sehr den zusätzlichen Unterricht bei Boris Blacher.

Das Ballettschaffen ist besonders zu erwähnen, auch die Liebe zur Rhythmik insgesamt. Sein sehr geschätzter Librettist für die Ballette war Albert Burkat.

Das letzte gemeinsame Stück, die Oper „Minna von Barnhelm“, harrt noch der Uraufführung.

In den 50 Jahren von 1946 bis zu seiner schweren Erkrankung 1994, die er als 90- jähriger durchmachte, entstanden seine hauptsächlichen Werke, von op. 15 bis op. 98 (op. 99 blieb ein Fragment).

Seine letzten zwei Jahre verbrachte Victor Bruns in einem Berliner Senioren-Pflegeheim. Er war gut untergebracht und freute sich immer riesig auf den Besuch seiner ihm Nahestehenden und interessierte sich für sie, die große Welt und auch für die allgemeine Politik.

Und wir, die Besucher und Betreuer, wurden durch seine Güte, Liebenswürdigkeit und auch Fröhlichkeit wunderbar belohnt. Sein Leben war erfüllt mit Musik und Komponieren. Er war ein selten gütiger, bescheidener und froher Mensch, und es ist vorbildlich für uns, wie er sein Leben gestaltete.