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Dr. phil. Wolfgang Rüdiger 1989: „Herzlicher Empfang in Ostberlin – Der Komponist und Fagottist Victor Bruns feierte seinen 85. Geburtstag“

„Wann geschieht es schon einmal, dass man, auf einem Berlin-Besuch mehr oder weniger ziellos „Unter den Lindem“ entlangschlendernd, unverhofft einen bekannten Leipziger Lektor trifft – von diesem erfährt, dass ein großer Komponist und Fagottist im Ostberliner Operncafe´ seinen 85. Geburtstag feiert – und sich plötzlich mitten in einer wunderbaren Festgesellschaft wiederfindet, äußerst herzlich empfangen als Gratulant und zum Mitfeiern geladener Spontangast !

So widerfahren dem Berichterstatter, Fagottist und Interpret zeitgenössi8scher Musik in Freiburg i. Br., am 15. August dieses Jahres – und wer da an diesem denkwürdigen Tag mit Freunden aus Ost und West feierte, dessen Name und Werk ist weit über die Grenzen beider deutscher Staaten hinaus bekannt und beliebt: Victor Bruns wurde fünfundachtzig und beging in bewegender Weise mit diesem Festtag zugleich sein 50-(bis 51-)jähriges Jubiläum als (Ost-) Berliner.

Nehmen wir dies zum Anlass für einen kurzen Rückblich auf ein reiches und bewegtes Leben:

1904 als Sohn deutscher Eltern in Ollila (Finnland) geboren, studierte Victor Bruns 1924 – 1927 am Leningrader Konservatorium Fagott bei A. Wassiljew und bis 1931 Komposition bei W, Stscherbatschew – eine musikalische Doppelbegabung, deren zwiefache Spur seine künstlerische Laufbahn fortan in wechselseitiger Durchdringung durchziehen und unverwechselbar kennzeichnen wird. So konnte Bruns als Fagottist u am Leningrader Staatstheater z.B. bereits 1933 sein 1. Fagottkonzert uraufführen, bevor er 1938 nach Berlin übersiedelte.

Dort wirkte er als Fagottist und Kontrafagottist erst an der Berliner Volksoper, dann, nach dem Krieg, von 1946 bis zu seiner Pensionierung 1969 an der Deutschen Staatsoper Berlin, wo viele seiner Werke zum ersten Mal aufgeführt wurden. Denn parallel zu seinem beruflichen „Standbein“ als Orchestermusiker intensivierte Victor Bruns seine kompositorischen Studien im Unterricht bei Boris Blacher bis 1949, schrieb 1946 sein 2. Fagottkonzert (das 3. folgte 1966, das vierte wurde vor kurzem vom langjährigen Solofagottisten der Staatskapelle, Herbert Heilmann, uraufgeführt) und errang in den 50er Jahren seine größten Erfolge mit den sozialkritischen Ballettkompositionen „Das Recht des Herrn“ (1953), „Das Edelfräulein als Bäuerin“ (1955) und „Die neue Odyssee“ (1957), Werke, die seinen Ruhm als Komponist in der Nachfolge Strawinskys und Prokofjews weit über die Grenzen Deutschlands hinaus begründeten. Mehr als 20 Solokonzerte, 6 Sinfonien und eine große Anzahl von Kammermusikwerken belegen inzwischen, wie kreativ und erfolgreich Victor Bruns das freie „Spielbein“ seines Komponistendaseins zu bewegen wusste.

Halten wir hier inne, um nicht in ein bloßes Aufzählen von Kompositionen und äußeren Erfolgen zu verfallen. Das kann man in jedem Werkkatalog nachlesen. Berichten wir lieber von der Geburtstagsfeier an jenem 15. August dieses Jahres, an dem der Mensch Victor Bruns im Mittelpunkt stand, im Kreise seiner Freunde und Verwandten, nicht der Kammervirtuose, das Ehrenmitglied der Berliner Staatskapelle oder der Träger des Kunstpreises der DDR. Denn jenseits all dieser Auszeichnungen und fernab aller Titel, die ihm 1959, 1971 und 1960 in Anerkennung seines vielseitigen Wirkens verliehen wurden, ist es in erster Linie der Mensch Victor Bruns, der sofort so ganz und gar für sich einnimmt in seiner spontanen Herzlichkeit und mitmenschlichen Wärme, mit Offenheit, Weite und weltumspannenden Integrationskraft eines „elder statesman“ (so hat ihn William Waterhouse einmal genannt), der Grenzen zu sprengen und Menschen zusammenführen imstande ist, jung und alt, Musiker und Nichtmusiker, aus Ost und West. Und so wurde an diesem Nachmittag das durchaus noch nicht Selbstverständliche Wirklichkeit und selbstverständlich: Zu Ehren der auratischen, grenzüberschreitenden Persönlichkeit Victor Bruns’ bliesen vier Fagottisten aus Ost- und Westberlin – Hans Lemke und Peter Utecht vom BSO, Herbert Heilmann und Otfried Bienert von der Deutschen Staatsoper – ein Geburtstagsständchen mit heiteren bis ernsten Fagottquartetten, darunter einige frühe, unveröffentlichte Stücke des Jubilars selbst.

Und wie in der Gestalt und Geschichte des verehrten Meisters, so blitzte an diesem Nachmittag, mit diesem ersten deutsch-deutschen Fagottquartett, im versöhnenden Gewande der Musik, inmitten einer reichen Festtagstafel und bei anregenden Gesprächen, ein Stück Utopie auf, ein realer Hoffnungsschimmer, dessen Wirkkraft Hans Lemke launig formulierte: „Wenn alle Politiker Fagottisten oder Komponisten oder beides wären, wie könnte unsere Welt dann klingen und wohlkomponiert sein...“.